Bonsai von Alejandro Zambra

Buchvorstellungund Rezension

Bonsai von Alejandro Zambra

 deutsche Ausgabe erstmals 2017.

Bibliographische Angaben

    • Berlin: Suhrkamp, 2017.Übersetzt von Susanne Lange.90 Seiten.

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    Rezension von Claire Schmartz

    Der Name ist Programm: Zambras Bonsai hat trotz des ohnehin kleinen Formates des Buches nur 90 Seiten. Und nicht nur die Seiten sind gestutzt, auch die Sprache ist bemessen. Denn wie bei der japanischen Baumkunst werden in dieser kurzen Erzählung die Grundsteine früh gelegt, wachsen in knappen, präzisen Sätze aneinander. Gestutzt wird, was zu weit führt: Nebenfiguren, Nebenhandlungen werden mit knappen Kommentaren des Erzählers als zu weitreichend abgetan – abgeschnitten. Denn wie der Baum lebt die Erzählung nicht nur von ihren Sätzen, die erzählen (wachsen), sondern auch in der Schale, in die es gepflanzt wurde, in ebenjenem kleinen Buch.

    „Am Ende sirbt Emilia. Julio stirbt nicht. Der Rest ist Literatur.“

    So beginnt Bonsai und das ist Bonsai. Schnell werden die Details ergänzt: Es handelt sich um eine Liebesgeschichte zwischen zwei chilenischen Studenten, Julio und Emilia, die sich beim Lernen für ein Examen kennen lernen. Sie verlieben sich ineinander, weil Julio behauptet, dass er Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in einem Sommer in Quintera gelesen habe. Diese Lüge schmiegt die beiden Studenten aneinander, und sie fangen an, sich gegenseitig vorzulesen, bevor sie miteinander schlafen.

    Zambras Erzählung ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sie verrät auch viel über Fiktion, Wunsch und Wahrheit. Fiktion einer Liebesbeziehung, in der man Emilia damit erobern kann, dass man Proust gelesen hat. Fiktion einer Beziehung, die von dem Glauben an ein Bild des anderen und der Einbildung über sich selbst lebt. Doch die Beziehung geht in die Brüche, Emilie zieht nach Madrid und wird drogenabhängig – und stirbt. Julio hingegen bleibt in Chile und verzehrt sich in seiner Sehnsucht nach Emilia.

    Das Liebespaar hat zusammen Tantalia von Macedonio Fernandez gelesen, in dem ein Paar eine Pflanze kauft und merkt, dass ihre Liebe mit dieser Pflanze sterben wird. Ähnlich wichtig wird für Julio nach seiner Trennung das Symbol des Bonsais. Er trifft sich mit einem Autor, für den er Manuskripte transkribieren soll, doch unerwarteterweise bekommt er den Auftrag nicht. Also fängt er an, sich vorzustellen, was er transkribiert hätte, genauso wie er sich vorgestellt hat, wie es gewesen wäre, Proust gelesen zu haben. Julio fängt an, das erfundene Manuskript zu transkribieren – er nennt es Bonsai – und züchtet auch einen ebensolchen.

    In dieser alleinigen Fortführung der Liebesbeziehung und ihrer Implikationen erfüllt er eine Illusion, die der anfänglichen Ankündigung in der Erzählung entspricht: „Der Rest ist Literatur.“ Mit Julios Bonsai kehren Titel und Form der Erzählung in dieselbe ein und verweisen gleichzeitig auf Zambras Schreiben. Denn er spinnt diese Erzählung, lässt anfangs selbst die Namen der Protagonisten als beliebig erscheinen, und doch wird sie nach und nach immer detaillierter und behauptet Wahrhaftigkeit. So gibt es zum Beispiel zahllose Literaturverweise zu den Büchern, die von den beiden verliebten Literaturliebhabern gelesen werden, die mit genauen Seitenzahlen benannt werden; und auch das Examen, für das die beiden lernen, ist nicht irgendein Examen, sondern Spanische Syntax II. Details wie diese stehen im Kontrast zu der sonstigen Ausführung der Erzählung, die, wie bereits erwähnt, andere Figuren schnell ausklammert. Doch dies ist keineswegs verwirrend oder überhäuft, die Geschichte bleibt schnell und einfühlsam, liest sich leicht und bietet gleichzeitig viele präzise Beobachtungen, wirft Fragen auf. Wie im Leben gibt es Möglichkeiten und Tatsachen, Gelegenheiten und Entscheidungen. In dieser perfekten Symmetrie (der Bonsai-Vergleich liegt stets nahe) entsteht die kunstvoll leichte Erzählung, entsteht Literatur in einer Kurgeschichte. So schafft die Erzählung es, trotz der präzisen Sprache und der stringent erzählten Handlung, ein kleines lebendiges Kunstwerk zu sein, komprimierte Zeit.

    Alejandro Zambra wurde 1975 in Santiago de Chile geboren. Er ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universidad Diego Portales in Santiago und schreibt Literaturkritiken. Für Bonsai erhielt er 2007 den Premio de la Crítica de Chile, 2011 wurde die Erzählung verfilmt. 2012 erschien mit Die Erfindung der Kindheit sein erster Roman auf Deutsch.

    Claire Schmartz, September 2017

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