Fereydun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi

Buchvorstellungund Rezension

Fereydun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Feridun se pesar dāsht, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Edition Büchergilde.

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Gardūn, 2005 unter dem Titel Feridun se pesar dāsht.350 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2016.Übersetzt von Susanne Baghestani.ISBN: 978-3864060717.350 Seiten.

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In Kürze:

Von schweren Zerwürfnissen erschütterte Familien geraten an ihre Grenzen. So auch Familie Amani, die Abbas Maroufi stellvertretend porträtiert. Einer der Söhne, der Kommunist Madjid, ist aus seiner Heimat geflohen und begegnet als Patient einer Aachener Nervenheilanstalt seiner Vergangenheit. Einer Zeit, in der er und seine Brüder sich gegen den Willen des Vaters politisierten: Assad schloss sich Chomeinis Organisation an und besetzte innerhalb kürzester Zeit wichtige Ämter, Said wurde Mitglied der Mudschaheddin und Iradsch, dem inhaftierten „Revolutionsfeind", droht die Hinrichtung.
Maroufis Stil ist prägnant. Alles ist eins, Erzählebenen gehen nahtlos ineinander über. Folgen wir gerade noch einer Unterhaltung Madjids mit einem Mitpatienten, sitzen wir im nächsten Satz in einem Wagen, der den Geflüchteten zurück in den Iran bringen soll. Der Roman ist ein Spiegel der Revolution, seiner Dynamik kann man sich nicht entziehen. Maroufi verdichtet das Geschehen zu einem geballten Porträt jener dramatischen Zeit.

Das meint Belletristik-Couch.de: »Die Wirren des Umsturzes und die Wirren im Exil«72

Rezension von Sebastian Riemann

Fereydun hatte drei Söhne. Eigentlich waren es vier. Aber darüber redet der Vater nicht gern, so wie er über viele Dinge nicht gern redet. Über seine Arbeit, die Leitung der Fabrik eines internationalen Reifenherstellers, redet er hingegen sehr gern, er lebt für seine Arbeit. Am liebsten wäre es ihm, wenn seine Söhne so wären wie er, wenn sie für die Arbeit leben würden, wenn sie stolz wären auf die Fabrik und den Wohlstand der Familie. Aber sie sind nicht so wie er. Sie interessieren sich nicht für Reifen und einen ordentlichen Gehaltsscheck am Ende des Monats, sondern für das Thema, das dem Vater Grauen und üble Magenschmerzen bereitet: Politik. Sie wollen Veränderung und nicht Teilhaben am etablierten System, das nur durch Ausbeutung und Unterdrückung funktioniert, das Volk in Ketten hält.

Es ist der Vorabend der iranischen Revolution. Die Herrschaft des Schah neigt sich ihrem Ende zu und aus ihr wird hervorgehen, was die Region und die Welt bewegen wird, sie heute noch bewegt. Die Islamische Republik Iran mit seiner weit über die Grenzen bekannten Figur des religiösen Führers, dem Ayatollah.

In den Wirren vor solch einem Umsturz formieren sich viele Gruppen mit unterschiedlichen Interessen, sie schließen Bündnisse, erkläre andere Gruppen zu Feinden und nicht selten geraten bei solchen Formierungen Angehörige ein und derselben Familie in Konflikt. Das Drama im Heim spiegelt dann das Drama im Land wieder. So wie das Land zerbricht die Familie.

Erzählt wird die Familiengeschichte zur Zeit der Revolution auf mehreren Ebenen. Der Autor Abbas Maroufi vermischt emotional eingefärbte Sequenzen aus der Jetzt-Zeit mit den Tumulten und wirren Ereignissen im Iran und im Heim des Erzählers. Dieser hält sich in einer Nervenheilanstalt in Deutschland auf, wohin er nach dem Umsturz geflohen war. Viele Jahre im Exil forderten ihren Preis, der Mann ist gebrochen, er fühlt sich überflüssig und fehl am Platz. Seine Gedanken kreisen um das Heimatland, die Familie und Freunde. Doch alles ist weit weg und er kann nichts machen, er ist zum Untätigsein verdammt, zum Zuschauen aus der letzten Reihe. Das raubt ihm mitunter den Verstand. Er weiß schlichtweg nicht, was er in Deutschland machen soll. Seine Wurzeln und sein Herz gehören in den Iran, doch dahin konnte er all die Jahre nicht zurückkehren, das neue Regime des Ayatollah erklärte ihn und viele andere zu Feinden des Staates und der Religion.

Früher hielt er noch hin und wieder eine Rede, um die Leute über die Lage im Iran zu informieren, um über die damaligen Ereignisse zu berichten und sie zu erklären. Aber mit den Jahren versank er in Bedeutungslosigkeit. Ein Schatten seiner selbst.

Die Brüder des Erzählers stehen für die verschiedenen Fraktionen während der iranischen Revolution. Sie organisieren sich in politischen und politisch-religiösen Gruppen, sind Linke oder getreue Anhänger des Ayatollah. Als sich die Ereignisse auf den Straßen überschlagen versuchen sie zueinander zu halten und gleichzeitig ihren Interessen nachzugehen. Probleme und Konflikte sind dabei nicht zu vermeiden. Aus den familiären Spannungen spinnen sich dann allerhand Geschichten bis in die erzählte Gegenwart.

Mitunter konfus und verwirrend wirkt das Geschehen auf mehreren Eben für den Leser, der sich der Thematik nicht gewachsen fühlt. Es geraten Personen, Geschichten, Absichten und Ideologien durcheinander, es wird vom Jetzt ins Damals gesprungen und wieder zurück. Die Komplexität der revolutionären Prozesse bleibt dem Leser verborgen, er sieht überall Chaos. Vieles bleibt dabei auf der Strecke und vieles wird dadurch doch besser und realistischer dargestellt, als es wohl auf den ersten Blick erscheint.

Die Geschichte von Fereydun hatte drei Söhne ist nicht einfach zu lesen. Schnell muss man feststellen, dass man wenig über die damaligen Ereignisse im Iran weiß, dass man kein Wissen über die verschiedenen Gruppen und ihre Interessen hat. Das Buch ist ein guter Anreiz diese Wissenslücke zu schließen und ein guter Start, man gewinnt erste Einblicke und erfährt auf anschauliche, turbulente Weise, was es bedeutet in Umstürze verwickelt zu werden und unter ihren Folgen zu leiden. Es ist ein Buch über Politik im wahren Leben, jenseits von Nachrichten und Institutionen, es handelt von veränderten Leben und Schicksalen.

Sebastian Riemann, April 2017

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